Das Haus lag in der Schuhmachergasse, einer kleinen Straße neben dem Martinsmarkt. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie das Haus aussah.Ich weiß nur noch, dass man es über einen Hof erreichte, auf dem ein kleiner Baum in der Mitte stand. Der Hof war ständig voller Fahrräder, mit denen die Schüler zur Schule kamen. Gegenüber des Tores, durch das man in den Hof hinein kam, befand sich eine große Fensterfront, wohinter sich Klassenzimmer verbargen. Aber der Schein trog. Man erreichte diese Räume nicht auf dem geraden Wege. Man musste durch einen gläsernen Umgang auf der linken Seite des Hofes in das Haus hinein gehen, dann durch einige Klassenräume hindurch. Erst dann kam man in die Räume, die dem Tor direkt gegenüber lagen. Manche behaupteten, es gäbe auch einen kürzeren Weg, aber ich fand ihn nicht in all den Jahren, die ich an dieser Schule arbeitete.
Aber an einen Tag Anfang November kann ich mich gut erinnern. Es muss zu Beginn des Jahrhunderts gewesen sein. 50, 55 Jahre sind seither ins Land gezogen. An jenem Tag traf sich eine Gruppe von jungen Leuten in den Räumen der Schule.
„Hier muss etwas passieren! In den nächsten Wochen muss etwas passieren!“
Der das sagte, hieß Rune, und er zog dabei ein durchaus ernstes Gesicht. Rune war ein unverbesserlicher Optimist: „Wenn wir jetzt etwas tun, wird es uns allen besser gehen!“
Etwas zögernd, aber doch überzeugt von der Richtigkeit der Worte Runes, antwortete Sannah:
„Ja, du hast Recht! Wir müssen etwas tun! Wir müssen den Leuten zeigen, dass wir auch jemand sind! Aber wie?“
Da schaltete sich Steffen ins Gespräch ein. Steffen war Ausländer, aber er beherrschte die Sprache fast perfekt, und was er sagte, hatte Gewicht in der Runde. Er meinte:
„Lasst uns ein Fest organisieren, ein Fest, dass nichts zu wünschen übrig lässt, ein Fest, bei dem wir allen zeigen: Hej, Leute, hier sind wir! Wir wollen das so machen, wie wir das wollen! Wir hören nicht mehr auf Euch! Wir wollen mitbestimmen und uns nicht von irgendwem unterdrücken lassen! Nie und niemals!!!“ Indem er das sagte, wurde er immer lauter und engagierter. Man meinte, er stünde auf einem großen Platz und hielt eine Rede vor Tausenden von Menschen, aber die Zeiten großer Wahlkämpfe waren lange vorbei. Solche Versammlungen gab es nicht mehr. Die Leute waren zu sehr mit sich und ihren elektronischen Geräten beschäftigt. Man redete nur noch über das Handy miteinander, wenn man etwas schrieb, dann war es ein Blogg, den gleich Tausende Leute lasen, aber kaum jemand verstand. In den letzten Jahren hatte man nämlich in der Schule nur noch gelernt, mit dem Internet umzugehen. Aber kaum jemand konnte noch wirklich mit seinem Nachbarn reden. Und wer war überhaupt dieser Nachbar? Keiner wusste es.
Auch Rune, Sannah und Steffen wussten es nicht, aber so sollte es nicht bleiben. Sie wollten die Welt verändern, manche würden ihnen vorwerfen, sie würden das Rad der Geschichte zurück drehen wollen. Aber das war das Letzte, was sie wollten. Sie wollten einfach nur ausbrechen aus dieser dumpfen Sprachlosigkeit, die das Land heimgesucht hatte.
„Ja! Recht hast du!“ stimmten Rune und Sannah zu, „Aber wie sollen wir das tun?“
Sie grübelten noch lange und feilten an den Worten einer Einladung, sie wählten Worte, die längst niemand mehr anwendete, die aus der Mode gekommen waren. Dann schickten sie die Einladung raus – über Steffens Blogg. Sie fühlten sich dabei nicht wohl, dachten aber doch, dass der Zweck die Mittel heiligen würde, denn nur über den Blogg würden sie die vielen Menschen erreichen, die sie erreichen wollten.
Die Einladung las sich folgendermaßen:
Willkommen zur Party!!
Jetzt haben wir soviel Deutsch gelernt, dass wir es sprechen können, sogar wenn Party ist, glauben wir. Möchtet Ihr uns überprüfen?
Dann könnt Ihr zu unserer Deutschparty kommen!
Wann: am Dienstag, dem 27. November, 18 Uhr
Wo: Volksuniversität in Lund
Wie: Mitbringparty (Jeder bringt etwas zu essen und zu trinken mit.)
Auf gut Schwedisch: Wir machen eine Knytkalas!
Wir hoffen, dass wir mit vielen Leuten feiern werden können.
/die Deutschsprecher vom Kurs B1